Konkurrenz und Bildung

Nachdem sich die Idee, eine Freie Schule zu gründen, zu einem Entschluss gefestigt hatte, haben wir begonnen, andere Freie Schulen und Bildungsinitiativen zu kontaktieren. Ein Höhepunkt dabei war das Schulfrei Festival im September letzten Jahres, auf dem wir aktiv und lebendig erleben durften, wie positive, selbstbestimmte und nachhaltige Bildung aussehen kann, und was für großartige junge Menschen sie hervorbringt.

Ein Thema begleitet mich seit Beginn unserer Arbeit stetig und die Gedanken dazu möchte ich heute mit euch teilen: Konkurrenz in der Bildung.

Als wir damit begannen, andere Freie Schulen zu kontaktieren, habe ich mich innerlich darauf vorbereitet, unser Projekt rechtfertigen und verteidigen zu müssen, um die anderen Projekte dazu zu bewegen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen über die Gründung einer Freien Schule zu teilen. Doch ich wurde immer wieder überrascht: bereitwillig wurden Gesprächstermine vereinbart, lange und ausführliche Emails geschrieben, Konzepte geteilt, Tipps gegeben, Warnungen ausgesprochen, ohne Scheu wurden nicht nur Erfolge, sondern auch Misserfolge dargelegt und über allem lag die große Freude darüber, dass auch wir ein alternatives Bildungsprojekt ins Leben rufen wollen.

Der Wind der in der Freien Bildungsszene weht, seien es nun die Freien Schulen oder die Freilernergemeinschaft, singt ein Lied gemeinschaftlicher Bildung, die Wissen vermehrt und vertieft, indem sie auf den Austausch mit anderen Menschen gründet. Ellenbogen und das eifersüchtige Hüten des eigenen Wissensstandes sind hier fehl am Platz. Ebenso die Angst davor, eigene Bildungslücken zu zeigen und sich somit bloßzustellen.

Mir fiel wie Schuppen von den Augen, was ich schon lange fühle, mir aber erst durch die intensive Beschäftigung mit Bildung und dem Schulsystem bewusst wurde: Konkurrenz und Bildung passen nicht zueinander, sie widersprechen sich.

Eine Erkenntnis, die ebenso schmerzt wie befreit, wenn man selbst den gesamten regulären Bildungsapparat von der Grundschule bis zur Universität durchlaufen hat, in der Konkurrenz nicht nur allgegenwärtig ist, sondern auch gefördert wird. Natürlich war meine Grundschule „die bessere“ als die im Nachbarort. Meine Klasse 1b war natürlich „toller“ als die 1a. Wer gute Noten hat ist klüger und gebildeter als die anderen. Wer die richtigen Kästchen ankreuzt, die richtigen Antworten gibt, die richtigen Dinge weiß, die richtige Meinung vertritt, der wird es mal zu etwas bringen. Bloß niemanden abschreiben lassen, sonst hilft man womöglich der Konkurrenz beim Überholen.

Ein Menschenbild, das darauf abzielt, funktionierende Mitglieder einer Gesellschaft heranzuziehen, die sich klar definierte Berufe wie Stempel aufdrücken lassen. Die damit beschäftigt sind, das zu werden, was andere von ihnen erwarten, anstatt eigene Interessen zu verfolgen. Wir brauchen schließlich Ärzte, Juristen, Bäcker, Gärtner, Krankenschwestern, Lehrer und wie sie alle heißen.

Wozu die Philosophen lesen, wenn man sein Geld mit Brötchen verdient? Warum Wände streichen, wenn man mit chirurgischem Besteck umgehen kann?

Das Bildungssystem, in dem wir uns heute befinden, zielt darauf ab, Experten für jeweils nur kleine Teilbereiche des gesamten verfügbaren Weltwissens heranzuziehen, die wiederum auf andere Experten angewiesen sind. Tauschmittel Nummer eins ist dabei das Geld, das zu erarbeiten das Hauptziel unserer Existenz ist.
Auf der Strecke bleibt dabei die persönliche Entwicklung gemäß der eigenen Interessen, Stärken und Wünsche. Durch das Unterbinden einer Mehrzahl persönlicher Neigungen zugunsten eines vom Gesellschaftsapparat gewünschten funktionierenden Menschen wachsen Frustration, Unmut und Unzufriedenheit in unserer Gesellschaft die sich entweder in psychischen oder physischen Erkrankungen oder in extremen politischen Ausrichtungen äußern.

Ein Modell, das in einer globalisierten Welt nicht mehr zukunftsfähig ist. Durch die Digitalisierung sind Informationen einer größeren Masse an Menschen zugänglich. Die klassischen Berufe werden langsam aber stetig aufgelöst, an ihre Stelle treten kreative Startups, die ihre Tätigkeit selbst definieren. Wer in dieser Welt bestehen möchte, benötigt Teamfähigkeit, Selbstbestimmtheit und Kreativität. In den Städten schießen Co-Working Arbeitsplätze wie Pilze aus dem Boden, denn die jungen kreativen Köpfe unserer Zeit haben längst verstanden, dass Wissen sich nur vermehrt, wenn man es teilt. Dass Bildung im Diskurs entsteht und nicht im eigenen Mikrokosmus. Dass Ideen im Kollektiv wachsen, gedeihen und umgesetzt werden.

Wie in der Natur zu beobachten entstehen gedeihende Lebensräume durch Symbiosen unterschiedlicher Organismen, die sich in ihren Eigenschaften und Fähigkeiten ergänzen und so von- und miteinander leben. Ebenso ist die Bildung eine Symbiose aus den unterschiedlichen Menschen, die bereit sind, sie zu füttern und sich von ihr zu nähren.

Die Angst vor Konkurrenz dagegen führt dazu, dass man sich selbst den Zugang zum großen Topf des Weltwissens verwehrt. Ein Baum, der seine Blüten vor den Nektartrinkenden Insekten verschließt, wird der letzte seiner Art sein. Öffnet er sich hingegen der Fülle, die ihn umgibt, wird er unendlich viele Ableger hervorbringen und so seine eigene Existenz sichern.

 

von Anna Grochtmann

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