Naturkindergarten

Die Kindheit ist die Lebensphase, in welcher der Mensch in der kürzesten Zeit die stärksten Veränderungen durchläuft. Physische, psychische sowie emotionale Fähigkeiten und Wissen über die Welt die uns umgibt, werden maßgeblich für unser gesamtes Leben in den ersten Lebensjahren erworben.

Wir sehen diese Lebensphase als Schlüssel für ein gesundes, glückliches und ganzheitliches Leben. Kinder, die sich gemäß ihren individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten entwickeln, die ihrem eigenen inneren Zeitplan und Wissendurst folgen dürfen, lernen frühzeitig eigenverantwortliches Handeln und treffen auch im Jugend- und Erwachsenenalter leichter diejenigen Entscheidungen, die für sie selbst richtig sind.

Hierfür möchten wir es jedem einzelnen Kind ermöglichen, seinem persönlichen Entwicklungsweg zu folgen, indem wir es bei dieser Tätigkeit möglichst wenig stören und, wenn nötig, unterstützen, anstatt zu instruieren und in Richtungen zu drängen, die gegen seine Natur sind.

 

Unser Bild vom Kind

Wir sehen jedes einzelne Kind als individuelle Persönlichkeit. Wir erkennen an, dass jedes Kind von Geburt an über einen freien Willen verfügt, welchen wir wertschätzen. Die Eigenständigkeit der Kinder erkennen wir dadurch an, dass wir sie in Entscheidungen und Handlungen, die sie selbst betreffen, miteinbeziehen. Das heißt, insbesondere in sensiblen Situationen wie beispielsweise dem Anziehen, Toilettengang oder Windeln erklären wir den Kindern zunächst, mit welcher Situation sie konfrontiert werden, um ihnen so die Möglichkeit zu geben, diese Situation selbstbestimmt zu beeinflussen und aktiv an ihr teilzunehmen.

Kinder sind von Natur aus lernbegierig und neugierig, sie wollen ihre Umwelt und die Menschen in ihrer Umgebung kennen und verstehen lernen. Ihre Ziele verfolgen sie mit bewunderungswürdiger Hingabe und einem Durchhaltevermögen, welches sich manch Erwachsener wünschen würde. Um diese natürlichen Grundbedürfnisse nach Lernen und Entwicklung erfüllen zu können, benötigen die Kinder eine vorbereitete Umgebung, die ihre Phantasie anregt und sie zum Spielen, Forschen, Entdecken, Arbeiten und Kreativ-Sein einlädt. Hier folgen wir Maria Montessori, die in ihrer Arbeit mit Kindern entdeckte, wie konzentriert und vertieft Kinder sich einer Aufgabe/Entdeckung/einem Spiel hingeben, wenn sie sich in einer solchen Umgebung befinden.

Um ihrem persönlichen Entdeckerdrang folgen zu können ist es wichtig, dass Kinder sich möglichst frei bewegen können und auswählen dürfen, mit was sie sich beschäftigen wollen. Ein vehementes Eingreifen in die motorische oder psychische Entwicklung von Kindern seitens der Erwachsenen fördert nicht, sondern hindert Kinder daran, eigenständige und große Fortschritte zu machen.

 

Die Natur als vorbereitete Umgebung

Eine vorbereitete, anregende und vielfältige Umgebung ist grundlegend dafür, dass Kinder die wichtigen Impulse für ihre Entwicklung finden. Die Natur bietet eine solche vorbereitete Umgebung ganz ohne das Zutun des Menschen. Während Kindergärten, deren Alltag sich hauptsächlich in geschlossenen Räumen abspielt, darauf angewiesen sind, durch Materialien und Spielsachen dem Kind ausreichend Beschäftigung bieten zu können, leistet dies die Natur in ihrer wunderbaren Vielfalt selbst.

Stöcke, Steine, Gras, Blumen, Bäume, Wasser, Erde, Sand, Krabbeltiere, Sonne, Wind, Sturm, Wolken, Himmel, Regen, Hagel, Schnee – die Wunder und Schätze der Natur sind unzählbar und entfalten vor dem neugierigen Auge des Kindes eine einzigartige Spiel- und Erfahrungswiese, auf der es das Leben und sich selbst in natürlicher Weise kennenlernen und verstehen kann – denn das Kind selbst ist Teil dieser Natur und ihr entsprungen. In einer einfachen Wiese, einem Bachlauf, einem Stückchen Wald, ist die ganze Geschichte des Lebens und der Menschheit enthalten und wartet nur darauf, von den Forschern und Entdeckern, die sich hinter den Kinderaugen verbergen, entdeckt zu werden.

Die Natur bringt Kinder täglich zum Staunen und animiert sie zu tausenden Fragen, die letztendlich ihr Urvertrauen in das Leben stärken. Kinder lernen in Konfrontation mit der Natur ihre eigenen Grenzen, Stärken und Fähigkeiten besonders gut kennen.

 

Praktische naturwissenschaftliche Grunderfahrungen

Durch das tägliche Leben und Erfahren in der Natur machen Kinder, die einen Wald- oder Naturkindergarten besuchen, schon früh zahlreiche naturwissenschaftliche Grunderfahrungen. Die sinnlichen Erlebnisse wie beispielsweise das Spüren von verschiedenem Wetter, das fühlen von den unterschiedlichen Texturen von Sand, Matsch, Wasser, Gras usw., das Entdecken von Zusammenhängen wie z.B. einem Samenkorn und einem ausgewachsenen Baum – all diese Erlebnisse schaffen den Kindern einen aktiven Zugang zur Welt durch die Natur und liefern bereits Grundlagen der Biologie, Chemie, Physik, Mathematik und Philosophie.

Indem Kinder Zusammenhänge in der Natur verstehen wollen, gehen sie „den Dingen auf den Grund“. In einem einfachen Gegenstand wie z.B. einem Tannenzapfen steckt eine ganze Welt von Fragen, Erkenntnissen und Wissen. Welchem Baum gehört der Zapfen an? Auf welche Art unterscheidet er sich von ähnlichen Gegenständen? Wann ist er geschlossen und wann offen? Wieso verändert sich ein geschlossener Zapfen wenn man ihn ans Feuer legt? Was steckt in den Kammern eines Zapfens? Welche Tiere ernährt er? Usw.

 

Rolle der Erwachsenen

Die erwachsenen BegleiterInnen in unserem Kindergarten sehen wir nicht als ErzieherInnen im klassischen Sinne, sondern als BeobachterInnen, die den Kindern mit der gleichen Neugierde, dem Respekt und der Wertschätzung begegnen, wie die Kinder ihrerseits der Natur und den Menschen.

Die BegleiterInnen in unserem Kindergarten begegnen den Kindern mit Zurückhaltung und Geduld. Sie lernen die Kinder durch Beobachtung kennen, geben ihnen Anreize und Materialien zu den Themen, die die Kinder gerade interessieren, ermutigen sie in ihren Interessen und Entwicklungsphasen und trösten dann, wenn mal etwas nicht so klappt, wie vom Kind gewünscht.

Sie schaffen eine liebevolle und beschützte Umgebung durch das Einbringen von Regeln, die für Kinder und Erwachsene gleichermaßen gelten und die erklärt anstatt nur durchgesetzt werden. Sie lösen Konfliktsituationen gemeinsam mit den Kindern, indem sie die Kinder dabei unterstützen, selbst Lösungsmöglichkeiten für die jeweiligen Konflikte zu finden.